titel tango hamburg 1024x389 - Tango Argentino

Was genau ist Tango Argentino?

WISSENSWERTES über den argentinischen Tanz,
seine Musik und Poesie

Für viele Einsteiger stellt sich zunächst einmal die Frage, was Tango Argentino bedeutet. Was unterscheidet ihn vom sogenannten Standard-Tango, dem europäischen, internationalen oder Ballroom-Tango?

Der Tango Argentino ist ein freier und sehr individueller Improvisations-Tanz. Im Gegensatz dazu wird der Standard-Tango nach festgelegten Schritten getanzt und folgt den Regeln des europäischen oder internationalen Turniertanz-Programms. Tango Argentino ist ein Tanz des Volkes. Auf Wettbewerbe wie bei den Standardtänzen kommt es nicht an. Sie bleiben eher eine Ausnahme, da sie dem individuellen Wesen des argentinischen Tango nicht wirklich entsprechen.

Der Tango Argentino ist aber weit mehr als nur ein Tanz. Er ist auch eine ganz eigenständige Musikgattung, für die Argentinien in der ganzen Welt bekannt ist. Außerdem hat er eine besondere Poesie, die oftmals recht anspruchsvoll und sprachlich interessant ist. Viele Texte sind in „Lunfardo“ verfasst, dem Dialekt aus dem ehemaligen Gaunermilieu von Buenos Aires. Dieser immer noch gebräuchliche Slang hat viele Wörter aus der italienischen Sprache übernommen.

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„Von Herz zu Herz“

Der Tanz „Tango Argentino“ basiert auf den Körpersignalen des Führens und Folgens, wobei die Führung mit dem Brustkorb statt mit den Armen erfolgt. „De corazón a corazón“ (von Herz zu Herz), heißt es in Argentinien. Man tanzt keine festgelegten Choreografien oder Schritt-Kombinationen. Das macht den Tango unendlich variabel und spannend.

Natürlich gibt es auch die Variante des Bühnentango (Tango éscenario), der vor allem zur Unterhaltung des Publikums dient. Er enthält oft spektakuläre akrobatische, vom klassischen Ballett oder Modern Dance beeinflusste Figuren. Hier sind einstudierte Choreografien nötig, schon allein wenn eine Tänzergruppe synchron tanzen soll.

Was jedoch von den passionierten Hobby- und Profitänzern auf den Tanzflächen der öffentlichen Milongas (Tango-Tanzabende) beim Tango Argentino zelebriert wird, ist in der Regel reine Improvisiation.

Mit jedem Partner, zu jeder Stimmung und Musik tanzt man anders. Die Schritte sind elegant, die Oberkörper meist in enger Umarmung miteinander verbunden. Die Unterkörper und Beine berühren sich dagegen nicht, außer bei besonderen Figuren. Auch wenn die Tänzer oft komplexe Bewegungen ausführen, bilden die Umarmung und das harmonische Gehen im Paar die Basis des Tango Argentino.

Ein trauriger Gedanke, den
man tanzen kann.
tango argentino

ZUR ENTSTEHUNG DES TANGO ARGENTINO

Wer Tango Argentino lernen und tanzen will, interessiert sich bald auch für die Geschichte dieses faszinierenden Tanzes. Er entstand um 1900 im riesigen Mündungsgebiet des Río de la Plata. Hier liegen die argentinischen Großstädte Buenos Aires und Rosario sowie Montevideo, die Hauptstadt von Uruguay. Die korrekte Bezeichnung wäre eigentlich „Tango ríoplatense“, also Tango vom Río de la Plata.

SCHMELZTIEGEL AM FLUSS

Millionen von Einwanderer aus aller Welt, vor allem aus Europa, landeten damals in den drei großen Hafenstädten. Der größte Teil von ihnen waren Italiener und Spanier, zudem Franzosen, Engländer, Deutsche, Russen und Polen. Alle brachten die Musik ihrer Heimatländer mit und verschmolzen sie zu einer neuen Musikrichtung. Diese erhielt zudem starke Einflüsse der afrikanischen Bevölkerung, die schon seit den Zeiten der Sklaverei dort lebte. Es entstanden Stile wie Candombe, Canyengue und Milonga, die als Vorläufer oder frühe Urformen des Tango gelten.

Das Wort „Tango” kommt vermutlich aus dem Afrikanischen und bedeutet „Trommel“. Darüber gibt es jedoch verschiedene Theorien. Wenn man heute Tangomusik hört, kann man immer noch das Heimweh, die Melancholie und Einsamkeit der Einwanderer nachempfinden, die aus den Melodien und Texten erklingen.

DER KLANG DES BANDONEÓNS

Besonders die Gruppe der italienischen Einwanderer trug wesentlich zur Entstehung des Tango Argentino bei. Die meisten Tango-Musiker, Komponisten und Dichter tragen auch heute noch italienische Nachnamen. 

Elemente von neapolitanischen Canzoni wurden integriert, ebenso kamen Einflüsse von Wiener Walzer, Polka, Foxtrot, Habanera und anderen Stilen hinzu. Schließlich formte sich der ganz eigene, typische Klang. Dieser ist auch durch das Bandoneón charakterisiert, ein Harmonika-Instrument deutscher Herkunft, das schwierig zu erlernen ist und inzwischen Symbolcharakter für den Tango hat. 

Heute sind die am meisten getanzten und gespielten Musik- und Tanzstile der Tango selbst, der Vals (Tango im Walzertakt) und die Milonga, eine schnelle, eher volkstümliche Rhythmusvariante.

DAS GOLDENE ZEITALTER – DIE ÉPOCA DE ORO

Die Zeit ab Mitte der 30-er bis Ende der 40-er Jahre des vorigen Jahrhunderts gilt als goldene Epoche des Tango, die Época de Oro. Es entstand eine große Vielfalt an Orchestern und tausende von Kompositionen und Texten. Der Tango Argentino wurde überall live gespielt und in der ganzen Welt berühmt. Er wurde zum Modetanz der Stunde, in Buenos Aires, Paris, Berlin, Tokio oder Helsinki. Zeitweise wurde der Tangotanz vom Papst verboten, da er als zu erotisch angesehen wurde. Das konnte seiner Beliebtheit jedoch wenig anhaben!

Als zentrale Figuren des Tango gelten Juan d’Arienzo, Carlos di Sarli, Osvaldo Pugliese und Aníbal Troilo. Sie waren die großen vier Orchester-Leiter jener Zeit. Sie komponierten viele erfolgreiche Tangos und verliehen ihren Orchestern (Orquesta típica) einen unverwechselbaren Klang.
Weitere Namen der berühmtesten Musiker und Orchester findet man in unserem Tangolexikon. Allen voran steht der argentinische Sänger und Nationalheld Carlos Gardel, der als erster einen gesungenen Tango über die Maßen populär machte. Später glänzte er auch in mehreren Tango-Filmen. Nach der Época de Oro folgten weitere kreative Jahrzehnte. Gegen Ende der 50-er Jahre verlor der Tango langsam an Popularität, der Rock’n Roll und später die Popmusik kamen auf.

Astor Piazzolla gab dem Tango Argentino noch einmal neue Impulse und machte ihn konzertanter. Auch viele Jazzfans waren von seinem „Tango Nuevo“ begeistert. Das argentinische Volk war allerdings geteilter Meinung, da seine Kompositionen als nicht tanzbar galten. Heute wird seine Leistung auch im eigenen Land anerkannt.
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Aníbal Troilo, genannt „Pichuco“, einer der bekanntesten Bandoneónisten, Komponisten und Orchesterleiter

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Eine weitere Ikone des Tango im vorigen Jahrhundert: Tita Merello, beliebte Sängerin und Schauspielerin

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Tango-Legenden: Osvaldo Fresedo, José Razzano, Aníbal Troilo, Francisco Canaro, Enrique Santos Discépolo, 1944

ZEIT DER „SIESTA“ UND NEUBEGINN

Während der düsteren Zeit der argentinischen Militärdiktatur von 1976-83 kam die Tangokultur fast völlig zum Erliegen, da öffentliche Versammlungen verboten waren. Trotzdem gab es einen Kern von Personen, die den Tango am Leben erhielten.

Mitte der 80-er Jahre erlebte der Tango dann eine Renaissance: die argentinische Showproduktion „Tango Argentino” tourte durch die ganze Welt und fand viele Anhänger, die wieder Tango tanzen lernen wollten. Es wurden Tanzschulen für Tango Argentino gegründet und junge Musiker lernten die Musik ihrer Großväter zu spielen. Auch wurden erneut zahlreiche öffentliche Milongas (Tango-Tanzfeste) veranstaltet.

Anfang 2000 wurde eine neue Musikrichtung populär: die in Paris lebenden Exil-Argentinier Gotan Project erfanden den „Electrotango”, der sich bald einen festen Platz in allen Club-Charts eroberte und damit das Interesse am Tango Argentino vervielfachte. Weitere Bands wie Otros Aires folgten dem Konzept und auch der Tangotanz wurde zum modernen Stil passend weiter entwickelt.

Man tanzte „Neotango” oder „Tango Nuevo”, der sich durch ausladende, weiche Bewegungen und oftmals Aufgabe der eigenen Körperachse auszeichnet. Der Tänzer Chicho Frumboli entwickelte viele Tanzfiguren im neuen Stil und gilt seither als Ikone dieser Bewegung.

DER TANGO ARGENTINO HEUTE

Inzwischen ist der Neotango und Electrotango vor allem in Argentinien nicht mehr ganz so häufig auf den Milongas vertreten und man kehrt zurück zu den Wurzeln, also zum traditionellen Tango – wobei in den Tanz viele Elemente des Neotango eingeflossen sind. Man legt auch allgemein wieder mehr Wert auf die traditionell überlieferten Códigos de la Milonga, die Milonga-Spielregeln für eine harmonische Tanzpiste.

Weitere Tango-Argentino-Stile, die heute getanzt und auch miteinander vermischt werden, sind: Tango de Salon, Tango Milonguero oder Canyengue – mehr Info dazu in unserem Tango-Lexikon.

Junge Tango-Orchester und -Musiker haben in den letzten Jahren mit virtuosen Interpretationen traditioneller Tangos und eigenen Kompositionen viele neue Fans auf ihren Reisen um die Welt erobert. Zu nennen wären hier z. B. das Sexteto Milonguero, Carlos Quilici, Cuarteto Mulenga, Orquesta Tipica Victoria, Orquesta Romántica Milonguera oder La Juan D‘Arienzo.

Heute kann man nicht nur in Argentinien, sondern auch in allen größeren Städten der Welt Tango tanzen. Dank der weltweiten medialen Verbreitung von Tango-Videos findet man nun auch an den entlegensten Orten Milongas. Man trifft sich zudem auf Encuentros, Festivals und Marathons.

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Lektüre und Filme zum Tango Argentino

TANGO-ENZYKLOPÄDIE

Wer mehr über den Tango Argentino erfahren möchte, dem empfehlen wir die Webseite Todo Tango: Eine Enzyklopädie auf Englisch und Spanisch, in der man alles über Musiker, Orchester, Tango-Titel, Texte etc. erfährt.

ARTIKEL ÜBER CÓDIGOS

Auf dem Autorenportal Pagewizz wurde der Artikel „Tangotanzen mit Stil” über die Códigos de la Milonga veröffentlicht, der interessante Details zu den Umgangsformen im Tango enthält.

SACHBÜCHER

„Tango“ von Horacio Salas, „Tango-Geschichten“ von Michael Lavocah, „Tango – Verweigerung und Trauer“ von Dieter Reichardt.

ROMANE

„Tango im Himmel“ von Elsa Osorio, „Drei Minuten mit der Wirklichkeit“ von Wolfram Fleischhauer.

ZEITSCHRIFTEN

Tangodanza (deutsches Tangomagazin), El Tangauta (spanisch)

FILME AUS DEM GOLDENEN ZEITALTER

„Las Luces de Buenos Aires“ mit Carlos Gardel, „Tango Bar“ mit Carlos Gardel, „El Tango en Broadway”, ebenfalls mit Carlos Gardel.

ZEITGENÖSSISCHE FILME

„Tango Lesson“ von Sally Potter mit Pablo Verón, „Assassination Tango“ mit Robert Duvall, „12 Tangos – Adios Buenos Aires“ von Arne Birkenstock mit Musik von Luis Borda, „Der letzte Applaus“ und „Ein letzter Tango“ von Germán Kral, „Tango Libre“ mit Chicho Frumboli.

TANGO-AUSRÜSTUNG

Es gibt immer mehr Anbieter von speziell für den Tangotanz entwickelten Schuhen, ebenso wie Hersteller von geeigneter und eleganter Tanzkleidung.