Ball Im Wiener Rathaus, Elegante Junge Damen

Seit Ende des 18. Jahrhunderts standen die glanzvollen Wiener Bälle in direktem Zusammenhang mit der weltweiten Verbreitung des Wiener Walzers. In der Hauptstadt von Österreich hält man die Tradition dieser Tanzveranstaltungen bis heute lebendig, die berühmteste ist wohl der Wiener Opernball. Inzwischen gehören dort nicht nur Rock ’n’ Roll oder Salsa, sondern seit 2017 auch der argentinische Tango zu den Gesellschaftstänzen. Welche Gemeinsamkeiten hat ein Wiener Ball mit einer Veranstaltung für Tango in Buenos Aires?

Nach einem Originalartikel von S. Elefante, M. V. Arenillas, S. Jovicic und M. Elefante

Zeitreise in die Vergangenheit und zurück

Hat sich in Buenos Aires im Laufe des 19. Jahrhunderts eine Balltradition entwickelt, die derjenigen in Wien ähnelt? Wir begeben uns auf eine Reise in die Vergangenheit, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen historischen Events zu entdecken und sie mit den typischen Tanzveranstaltungen für Tango Argentino, den Milongas in Buenos Aires, zu vergleichen – damals wie heute.

Festlicher Ball In Der Wiener Hofburg
Festlicher Ball in der Wiener Hofburg

Historische Quellen belegen, dass man nicht nur in der Hauptstadt Buenos Aires, sondern auch in anderen Landesteilen Argentiniens bereits im 19. Jahrhundert elegante Ballnächte organisierte. Hinweise darauf finden wir zum Beispiel im Text des Tango-Vals „Vals del 18“, den Horacio Ferrer und Astor Piazzolla im Jahre 1981 schrieben. 

Dieses Musikstück ist eine Reminiszenz an vergangene Zeiten, genauer an das Jahr 1918. Textautor Horacio Ferrer erinnert sich dabei voller Zuneigung an seine Tante, die damals diese Veranstaltungen besuchte und dort die Gelegenheit hatte, zu verschiedenen Rhythmen wie Walzer, Foxtrott und auch Tango zu tanzen.


„Vals del 18“

Text: Horacio Ferrer, Musik: Astor Piazzolla


Dreh deinen Vals des Jahres 1918,
weißt du noch? Ich schrieb ihn dir mit Liebe
zur Erinnerung an dich. Als du das Leben
in der Zeit erhellt hast, als es besser war,
ganz leuchtend gekleidet, mit Fransen bis zur Errötung.

Dreh deinen Vals, lass mich bitte meinen Frack anziehen,
lass uns beide tanzen gehen.

Dein Herz kämmt sich à la Garçonne
und deine Bescheidenheit trägt ein Korsett.
Und ein Dichter fasst deine Schönheit um die Taille:
der süße Dieb, der dich an sein Leben band,
jener, der nicht mehr ist.


Dreh deinen Vals, dreh dich, dass es sich dreht,
und sein Rhythmus trägt Gamaschen
und nimmt auch Schnupftabak.
In deinen Augen strahlt die Freude
seit der Frieden unterzeichnet wurde, und ein Hauptgewinn,
du tanzt Foxtrott und singst dazu.

 (Ausschnitte des Originaltextes, übersetzt aus dem Spanischen)

Große Bälle in Wien und in Buenos Aires

Mit diesem Text von Horacio Ferrer als Inspiration und anhand historischer Dokumente lassen wir die Bälle in Buenos Aires wieder aufleben. In der argentinischen Metropole fanden sie bereits im Jahre 1877 statt, wie die Ankündigung eines Balls in der Oper zeigt. Offenbar waren solche Tanzveranstaltungen auch in den 1910er Jahren noch beliebt, wie man Ferrers “Vals del 18” entnehmen kann.

Wir vergleichen diese Veranstaltungen nicht nur mit den traditionellen Bällen in Wien, sondern auch mit den Milongas verschiedener Epochen.

Nach der Zeit des Wiener Kongresses im Jahr 1815 wurde die österreichische Hauptstadt für ihre prachtvollen Tanzbälle bekannt. Jedes Jahr finden hier mehr als vierhundert Bälle statt, oft in den historischen Gebäuden der Stadt, zum Beispiel in der Hofburg oder in der Wiener Staatsoper. Weltberühmt ist der Wiener Opernball, als besonders exklusiv gilt der Ball der Wiener Philharmoniker. 

Obwohl die Wiener Bälle heutzutage ganzjährig angeboten werden, fällt der Beginn der traditionellen Ballsaison mit dem Beginn des Karnevals am 11. November zusammen. Beendet wird die Wiener Ballsaison mit dem Faschingsdienstag im Februar.

Die Wiener Staatsoper
Die Wiener Staatsoper

Welche Rolle spielt der Karneval? 

Zweifellos fanden auch in Buenos Aires die Tanzveranstaltungen in der Karnevalszeit statt. Eine Anzeige für den Ball in der Oper von 1877 lässt die Daten „20. und 21. Januar“ erkennen.

Ein Plakat aus den 30er Jahren kündigt sechs große Bälle (“6 grandes bailes”) an, die während der Karnevalszeit im Teatro Colón in Rosario de Santa Fe stattfanden. Unter Anderem traten dort die Tango-Orchester Firpo und Canaro auf. Dies zeigt, dass man große Ballnächte nicht nur in der argentinischen Hauptstadt, sondern auch in anderen Städten des Landes organisierte.

In den 30er Jahren wurden Tanzfeste im „Broadway-Theater“ in der Calle Corrientes in Buenos Aires als Maskenbälle angekündigt. Das lässt darauf schließen, dass diese Veranstaltungen ebenfalls in der Karnevalszeit stattfanden.

Eine Anzeige aus den 40er Jahren wirbt explizit für einen Karnevalsball im „Luna Park“ von Buenos Aires, der für Konzerte und Sportereignisse, aber auch als Tanzsaal diente. An diesem Ort wurden bekanntermaßen auch in den 50er Jahren viele große Tanzveranstaltungen ausgerichtet. 

Die Ankündigung einer Veranstaltung mit dem Tango Orchester von Aníbal Troilo zeigt, dass in der argentinischen Hauptstadt auch im Jahre 1963 noch während der Karnevalszeit Ballsaison war.

Abgesehen davon gibt es jedoch keine Hinweise darauf, ob diese Ereignisse in Argentinien nur zur Karnevalszeit oder regelmäßig während des ganzen Jahres stattfanden. Wir wissen auch nicht genau, ob eine Balltradition bereits vor 1877 bestand. 

Ballnacht Im Luna Park Buenos Aires
Ballnacht im Luna Park Buenos Aires, 40er Jahre

Wo entstand der Tango Argentino?

Auf der anderen Seite lassen sich die Ursprünge des argentinischen Tango und der Milongas bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Region des Río de la Plata, vor allem im Städte-Dreieck Buenos Aires, Rosario und Montevideo/Uruguay zurückverfolgen.

Der Tango Argentino verbreitete sich damals rasch in Europa und erreichte im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts die europäischen Hauptstädte. Wien erlebte einen rasanten Anstieg von Veranstaltungen, die diesen neuen Tanzstil pflegten. Ob im einfachen Tanzlokal oder im barocken Ballsaal – überall konnte man die Klänge des neuen Rhythmus hören. Bis zum heutigen Tag gibt es regelmäßige und zahlreiche Milongas in Buenos Aires ebenso wie in der Walzerstadt.

Die Festsäle: Hofburg, Wiener Staatsoper und Teatro Colón

Vor allem in der Wiener Ballsaison gelten Bälle nach wie vor als herausragende Ereignisse und finden daher meist in den schönsten historischen Gebäuden statt. Sehr prestigeträchtig sind die Veranstaltungen, die in der Hofburg und im Rathaus abgehalten werden. Mehr als tausend Gäste besuchen solch einen Ball und tanzen dort bis in die frühen Morgenstunden. Als Höhepunkt der Ballsaison gilt natürlich der berühmte Wiener Opernball.

TU Ball in der Wiener Hofburg, Eröffnung ganz In Weiß
TU Ball in der Wiener Hofburg, Eröffnung ganz in Weiß

Das festliche Ambiente der Wiener Tanzveranstaltungen scheint Parallelen zu denjenigen in Buenos Aires aufzuweisen. Der Text des „Vals del 18“ zeigt, dass Herren die Möglichkeit hatten, einen Frack zu tragen. Aufgrund der Kleidung kann man also davon ausgehen, dass auch die Ballnächte von Buenos Aires in eleganten Festsälen organisiert wurden.

Dieser Eindruck wird durch Dokumente belegt, dass die Tanzfeste der argentinischen Hauptstadt sowohl im prächtigen Opernhaus, dem Teatro Colón, als auch in den renommierten Theatern der Calle Corrientes abgehalten wurden.

Milongas in Buenos Aires: Tango für alle

Im Gegensatz dazu konnte man die typischen Tanzveranstaltungen des argentinischen Tangos, die Milongas, an für jedermann zugänglichen Orten finden. Bis zum heutigen Tag werden Milongas in alltäglichen Lokalitäten wie Tanzschulen, Cafés oder Restaurants organisiert. Nur zu bestimmten Anlässen, beispielsweise während eines Tango-Festivals, finden sie an besonderen Veranstaltungsorten wie historischen Festsälen statt. 

Welche soziale Herkunft haben Ballgäste und Milonga Besucher?

In der Hauptstadt von Österreich waren die Gäste auf einem Ball typischerweise durch ihre Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Berufsgruppe miteinander verbunden. Folglich entstammten sie häufig derselben sozialen Schicht. Ab dem frühen 19. Jahrhundert feierten verschiedene Berufsgruppen ihre jeweilige Tätigkeit, indem sie Tanzfeste organisierten, zum Beispiel den Zuckerbäckerball oder den Kaffeesiederball. Diese Tradition ist bis zum heutigen Tag erhalten geblieben. Mittlerweile halten nicht nur Berufsgruppen Tanzbälle ab, sondern auch Gruppen von Menschen, die ein gemeinsames privates Interesse verbindet.

Darüber hinaus wurden im Rahmen dieser Veranstaltungen junge Frauen der höchsten Gesellschaftsschichten, die Debütantinnen, traditionell weiß gekleidet in die Gesellschaft eingeführt. Dieser Brauch wird heutzutage nur noch eingeschränkt praktiziert.

In Buenos Aires weist jedoch nichts darauf hin, dass die Tanzfeste mit Berufsgruppen in Zusammenhang standen. Es ist ebenso wenig bekannt, ob Debütantinnen auf einem Ball erschienen, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden.

Moderne Milonga In Buenos Aires, Salon Canning
Moderne Milonga in Buenos Aires, Salon Canning

Die Milongas der Stadt haben ebenfalls keine Verbindung zu bestimmten Berufsgruppen. Es handelt sich um Veranstaltungen mit dem vorrangigen Zweck, dort argentinischen Tango, Vals criollo und Milonga (hier: Musikstil) zu tanzen. Die Milongas in Buenos Aires dienten den Einwanderern in früheren Zeiten aber nicht nur zum Vergnügen, sondern auch als Begegnungsort für potentielle Ehepartner. Bis in die heutige Zeit haben Milongas den populären Charakter einfacher Tanzveranstaltungen beibehalten, unabhängig von der Feier eines bestimmten Ereignisses.

Musikstile der Wiener Bälle

Die Bälle in Wien können auch als Würdigung der Kunstformen Musik und Tanz im Allgemeinen angesehen werden. In diesem Sinne wurde das Angebot der traditionellen Gesellschaftstänze im Laufe der Jahre durch neuere Tanzstile erweitert. So findet man heutzutage Orchester und DJs, die vom Wiener Walzer über Foxtrott, vom Swing über Salsa bis Bachata verschiedenste Musikstile spielen, um den Musikgeschmack aller Ballgäste zufriedenzustellen. Als Mitternachtseinlage wird öfters eine Quadrille geboten.

Obwohl der argentinische Tango in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in der österreichischen Hauptstadt eine weite Verbreitung fand, gibt es keine Hinweise, dass eine Milonga im Rahmen einer der großen Ballnächte stattfand.

Hingegen gibt es Belege dafür, dass der argentinische Tango bei einer Zusammenkunft des Tanz-Komitees im Jahr 1914 explizit vom 23. Wiener Stadtball ausgeschlossen wurde. Er galt als zu “anrüchig”. Dieses Urteil wurde lange Zeit beibehalten, bis – seit Beginn des 21. Jahrhunderts – sporadisch wieder Tango-Darbietungen auf einigen Bällen zu sehen waren.

Video: Profi-Show Chiara Greco und Martin Acosta in der Wiener Hofburg

Seit 2017: Tango Argentino im Wiener Ballprogramm

Erstmals im Jahre 2017 war der argentinische Tango mit einer Milonga auf dem Ball der Technischen Universität Wien in der Hofburg vertreten. Dank des großen Anklangs bei den Gästen wurde dies in den Jahren 2018, 2019 und 2020 fortgeführt. 

2018 griff der Concordia Ball im Rathaus mit einem Themenabend für den argentinischen Tango diese Entwicklung auf. Seit 2019 bietet auch der Wiener Ball der Wissenschaften einen explizit für den argentinischen Tango vorgesehenen Raum.

Musikstile auf den Bällen von Buenos Aires 

Auch in der argentinischen Hauptstadt wurden verschiedene Musikstile in das Ball Programm aufgenommen. So schreibt Horacio Ferrer im Text des “Vals del 18”: „Dreh deinen Walzer“ und „Du tanzt Foxtrott und singst dazu“.

Anlässlich der Ballnächte im Opernhaus des Jahres 1877 wurde zu einer Vielzahl von Rhythmen getanzt: Polka, Habanera, Mazurka, Walzer, Quadrille usw. Das Plakat zeigt, dass argentinischer Tango ebenso wie Foxtrott, Rumba und Vals vertreten war. Allerdings ist nicht klar, ob man bei dieser Gelegenheit der Wiener Walzer oder der Vals criollo gespielt wurde.

Die Vermutung liegt jedoch nahe, dass das Orchester Lomuto argentinischen Tango, Milonga und Vals criollo spielte, während das Orchester Ivan Weishaus Wiener Walzer darbot. Auf dem angekündigten Ball tanzte man sowohl zu Tango, Jazz und Swing, während auf einem anderen Ball der Tango neben Jazz von hawaiianischen Serenaden begleitet wurde.

Anlässlich einer „spanischen“ Tanzveranstaltung scheint zur Hälfte argentinischer Tango und zur Hälfte Paso Doble gespielt worden zu sein. Es gab jedoch auch Tanzbälle, ähnlich den Milongas, zu denen die Tango-Orchester Firpo und Canaro eingeladen wurden. Bei diesen hörte man verständlicherweise nur argentinischen Tango, Vals criollo und Milonga.

Auch in der Anzeige für einen Ball des „Cine Argentino“ gibt es Hinweise darauf, dass nur argentinischer Tango auf dem Programm stand, da auf dem Plakat lediglich die Tango-Orchester Zerrillo und Brujos angekündigt wurden.

Musik auf den Milongas in Buenos Aires 

Die Milongas in Buenos Aires waren kulturgeschichtlich Orte, an denen man zu verschiedenen Musikstilen tanzte. Obwohl der Tango-Rhythmus zweifellos dominierte, konnte man immer auch zu anderen Rhythmen tanzen. Diese umfassten in der Vergangenheit zum Beispiel Jazz, karibische Tänze, Rock ‘n’ Roll und argentinische Folklore. Laut Eduardo Arquimbau, einem der bedeutendsten Tangotänzer und -lehrer des vorigen Jahrhunderts, erreichte auf den Milongas der 50er Jahre der Anteil anderer Musikstile bis zu 50 Prozent.

In den Vororten von Buenos Aires und im Landesinneren gibt es heutzutage immer noch Milongas mit einem großen Prozentsatz an anderen Musikstilen. International hat sich hingegen das Vorbild einiger im Stadtzentrum gelegenen Milongas in Buenos Aires durchgesetzt, auf denen nur zu argentinischem Tango, Vals criollo und Milonga getanzt wird.

Die Aufforderung – per Tanzkarte oder Cabeceo? 

In der Vergangenheit konnten die Damen sowohl auf einem Ball in Wien als auch in Buenos Aires eine Tanzkarte – ein Carnet de bal – benutzen. Es handelte sich um ein kleines Heft, in dem die verschiedenen Tänze des Abends aufgelistet waren. Der jeweilige Partner für den Tanz konnte sich dort eintragen. In Wien ist dieser Brauch inzwischen nicht mehr üblich und der Herr fordert die Dame durch eine höfliche Frage zum Tanz auf.

Video: Tangotanz von Studenten, Ball der TU Wien in der Hofburg

Auf den Veranstaltungen für Tango in Buenos Aires hingegen ist es Tradition, dass der Herr die Dame durch den Cabeceo – eine leichte Bewegung des Kopfes – zum Tanzen auffordert. Stimmt die Dame zu, bestätigt sie die Aufforderung ebenfalls mit einem Kopfnicken, der Tänzer kommt daraufhin auf sie zu und sie beginnen zu tanzen. Auf Milongas ist es nicht üblich, eine Dame in Begleitung aufzufordern, es sei denn, sie gibt zu verstehen, dass sie nicht nur mit ihrem Partner tanzen möchte.

Daher sitzen Herren und Damen sich in den traditionellen Milongas meist gegenüber, um die Tanzaufforderung durch den Cabeceo zu erleichtern. Paare, die den Abend miteinander verbringen möchten, nehmen hingegen an Tischen Platz, die sich auf der dritten Seite der Tanzfläche befinden.

Diese Art der Tanzaufforderung scheint jedoch relativ modern zu sein. Aus altem Bildmaterial geht hervor, dass um 1900 die Herren in der Mitte des Saales standen und von dort aus die Damen aufforderten. Die jungen Tänzerinnen standen entlang der Wände des Saals, ihre Mütter und älteren Schwestern saßen.

Heutzutage findet man auch Milongas, bei denen diese traditionelle Art der Tanzaufforderung nicht mehr eingehalten wird. Es kommt sogar vor, dass eine Tänzerin die Initiative ergreift und einen Tänzer auffordert. Die Rollen von Männern und Frauen im argentinischen Tango sind nicht mehr starr, sondern austauschbar. Nicht selten sieht man Frauen die Rolle des Führenden einnehmen und umgekehrt.

Die Tanzkleidung 

In Wien gehört auch eine strikte Kleiderordnung zu der langen Balltradition, die von den Gästen respektiert wird. Das jeweilige Ballkomitee behält sich das Recht vor, Besuchern bei unpassender Kleidung den Eintritt zu verwehren. Zu den elegantesten Bällen wie zum Beispiel dem Opernball sind die Damen aufgefordert, ein mindestens knöchellanges Abendkleid zu tragen, wobei Modell und Farbe im Ermessen der Tänzerin liegen. Herren hingegen müssen einen Frack oder einen Smoking tragen.

Dresscode Abendkleid Und Smoking Wiener Rathaus
Dresscode: Abendkleid und Smoking im Wiener Rathaus, Ball der Wissenschaften 2020

Es liegen keine Quellen darüber vor, ob Ballgäste in Buenos Aires einen festgelegten Dresscode einhalten mussten. Wir können aber davon ausgehen, dass die Kleidung dem Anlass entsprechend elegant war. Als Hinweis darauf, dass die Tänzerinnen und Tänzer stilvoll gekleidet waren, dient uns Ferrers Vals-Text, in dem von Gamaschen, Frack und glanzvoller Kleidung der Frau die Rede ist.

Zu Beginn und Mitte des vorigen Jahrhunderts war es üblich, dass auch die Gäste von Milongas in Buenos Aires elegantere Kleidung trugen. Allerdings gab es keine Kleidervorschrift, die besagte, dass Damen ein langes Kleid tragen mussten. Der Grund dafür mag unter anderem gewesen sein, dass so weiterhin typische Schrittfolgen des argentinischen Tangos wie Boleos und Sacadas getanzt werden konnten.

Allerdings hing die Tanzkleidung auch in Bezug auf Milongas vom generellen Kontext ab. Es war üblich, dass der Herr anlässlich eines bedeutenden Events einen Frack oder Smoking trug, zumindest bis in die 1930er Jahre. Bei einer alltäglichen Milonga war die Kleiderordnung weniger formell. Die Herren trugen ein Sakko und ein Hemd, was zur damaligen Zeit durchaus leger war.

Die heutigen Milongas schreiben keine bestimmten Dresscode vor. Die Tanzmode kann von elegant bis lässig variieren und hängt manchmal auch von den Vorgaben des Veranstalters ab. Bei Tango-Festivals wird häufig festlichere Tanzkleidung erwartet, während in den wöchentlichen Milongas Freizeitkleidung akzeptabel ist.

Die Abschlusszeremonie: Wiener Bälle und Milongas

Sowohl der Abschluss eines Wiener Balls als auch einer Milonga folgt einem ähnlichen Ritual: zum Ende des Abends wird stets ein symbolisches Musikstück gespielt. In Wien beendet man den Abend mit dem berühmten Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Johann Strauss, während Milongas gerne mit dem Musikstück „La Cumparsita“ abschließen, das in verschiedenen Orchesterversionen gespielt werden kann.

Wir wissen allerdings nicht, wie die Bälle in Buenos Aires endeten und ob es diesbezüglich ebenfalls ein Ritual gab. Bei Betrachtung der verschiedenen Werbeplakate sehen wir, dass Walzer-Orchester und sogar argentinische Tango-Orchester nicht immer im Musikprogramm des Abends vertreten waren.

Schlussfolgerung

Zu den Wiener Bällen liegen zahlreiche Informationen vor – zweifellos, weil die Tradition dort noch sehr lebendig ist. Hingegen sind die Anhaltspunkte für solche Events in Argentinien spärlicher, obwohl viele geschichtliche Details über den Tango in Buenos Aires bekannt sind.

Wir stellen jedoch fest, dass die Wiener Bälle und diejenigen von Buenos Aires einige gemeinsame Merkmale aufweisen, wie das Abhalten der Tanzveranstaltungen in derselben Jahreszeit und in prächtigen Festsälen, das Tanzen zu verschiedenen Musikstilen sowie den eleganten Dresscode.

Der Vergleich der Bälle mit den frühen Milongas von Buenos Aires zeigt dagegen erhebliche Unterschiede. Diese lassen sich unter anderem auf die unterschiedliche soziale Herkunft der Gäste zurückführen: die Aristokratie und die Oberschicht waren auf den Bällen anzutreffen, während die Einwanderer, die Mittelschicht und die Arbeiterklasse die Milongas besuchte. 

Inzwischen hat sich das geändert. Unabhängig von ihrem sozialen Hintergrund, ihrer Herkunft und ihres Alters gehen alle Tänzerinnen und Tänzer auf Milongas, die gerne Tango tanzen möchten – und das auf der ganzen Welt.

Das verbindende Element der Milongas sowie der Ballnächte von 1815, von 1900 oder der heutigen Zeit ist zweifellos die Freude am Tanz, egal ob Walzer in Wien oder Tango in Buenos Aires. Greifen wir also alle die Botschaft von Ferrer auf: „Lass uns beide tanzen gehen“, denn das Wichtigste ist, einen angenehmen Abend zu verbringen und sich beim Tanz zu vergnügen!

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Links

Original-Artikel „Bälle und Milongas in Wien und Buenos Aires: Analyse und Vergleich“ der Autoren S. Elefante, M. V. Arenillas, S. Jovicic und M. Elefante  

Argentinischer Tango an der Technischen Universität Wien (TU Wien) und am IST Austria (Institute of Science and Technology): www.tangogroup.eu

Amartango, Tangoschule von Victoria Arenillas (Co-Autorin): www.amartango.com

Literatur-Tipp: Otto Eder, „Tango!!! – Ein Fremdling in Wien“, herausgegeben von Ralf Sartori im Allitera-Verlag.

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